Korsische Polyphonie, traditionell und zeitgenössisch
«Corsic'Amen» – Licht und Dunkelheit in den Gärten der korsischen Liturgie
Jean-Claude Acquaviva, Leitung
Die Musik von A Filetta ist eine Reise. 1978 machten sich einige junge Menschen – teilweise noch Heranwachsende, getrieben von dem unerschütterlichen Willen, zur Bewahrung eines im Niedergang begriffenen mündlich überlieferten Erbes beizutragen – auf den Weg. Und ihre Route war lang, manchmal kurvenreich, doch gespickt mit Entdeckungen und aussergewöhnlichen Begegnungen. Die Sänger geben gerne zu, dass die «Begegnung» Teil ihrer musikalischen DNA ist. Das erklärt wahrscheinlich, weshalb sie ihre Reise über ihre Ursprünge hinaus unternehmen wollten. Angeregt von den Randbereichen einer ererbten Tradition, öffneten sie sich rasch auf andere Gebiete, Fächer und Kulturschaffende (Interpreten, Komponisten, Regisseure, Choreografen). Das Repertoire, das dieses Vokalsextett inzwischen erarbeitet hat, ist ein getreues Spiegelbild dessen, was es seit Beginn der 1980er-Jahre in Bewegung hält: ein Werdegang, der in einer alten mündlichen Überlieferung wurzelt und sich in den Mäandern einer unkomplizierten, von jeglicher überkommenen Verpflichtung befreiten Sprache behauptet. Sakrale und profane Gesänge mit vielfältigen Einflüssen, Filmmusik von Bruno Coulais, Kompositionen für Choreografien von Sidi Larbi Cherkaoui, Auszüge aus dem Chor einer antiken Tragödie oder auch Partien eines vom Festival de Saint-Denis in Auftrag gegebenen Requiems stehen nebeneinander. Eine Musik im Dienst einer Weltanschauung, die jeden Rückzug in das eigene Ich unmissverständlich ablehnt und deren Philosophie sich mit einem schönen Aphorismus von René Char zusammenfassen lässt: «Die reinsten Ernten werden in einen Boden gesät, der nicht existiert; sie beseitigen die Dankbarkeit und sind einzig dem Frühling verpflichtet.»
© Olivier Sanchez _ Crystal Pictures


