Mittelalter, traditionell und zeitgenössisch
«Les Thébaïdes» – Spiritualität der Wüste
Handschrift von Las Huelgas (13. Jh.) – Sufi- und maronitischer Gesang – Kreation
Laurence Brisset, Leitung
Unter der Leitung seiner Gründerin Laurence Brisset lädt das weibliche A-cappella-Vokalensemble De Caelis zu einer intimen Reise mitten in die Wüste ein, Symbol einer selbst gewählten Einsamkeit. Verstanden als Hommage an die weibliche Spiritualität, verbindet dieses Programm in einem Atemzug über Orte, Epochen und Kulturen hinweg den mittelalterlichen Gesang des spanischen Klosters Las Huelgas (einer kulturellen Hochburg, die 1187 von Alfons VIII. von Kastilien und seiner Gattin Eleonore in der Nähe von Burgos gegründet wurde), mit dem Sufi-Gesang, dem christlichen Gesang des Orients und neuen Kompositionen. Als Ort der Zurückgezogenheit, der Prüfung, aber auch der Offenbarung vereint die Wüste die drei monotheistischen Religionen. Die Felswüste von Theben war Zufluchtsort der ersten Christen; seither wurde unter Thebais jeder Ort verstanden, an dem man sich zurückzieht, um ein Leben in Askese und Gebet zu führen, an dem man sich der Welt entledigt, um nochmals geboren zu werden. Im mittelalterlichen Abendland symbolisiert die Thebais die Einsiedelei, den Wald, die Inseln und natürlich das Kloster. Als Metapher für ein Leben in Einsamkeit, das man wählt, um «unsichtbare Realitäten» zu betrachten, ist die Wüste der Ort, an dem man betet und singt. Die mittelalterliche Musik drückt sich nicht in der ersten Person aus, man spricht weder von sich selbst noch von seinen Gefühlen. Das Geschöpf wendet sich an seinen Schöpfer, von dem alle Schönheit ausgeht. So dachte man zumindest damals. Man muss das Wagnis eingehen, die Hüllen des Egos und des Verlangens nach Aufmerksamkeit und nach Glanz abzulegen. Keine Virtuosität bietet Schutz; die erforderliche Technik ist einfach, aber sie verzeiht nichts, da sie so viel Transparenz fordert, um die Seele, das Licht, zum Vorschein zu bringen. In gleicher Weise praktizieren die Sufis die Khalwa. Im Arabischen bezeichnet dieses Wort die Art des Rückzugs wie den Ort, an den man sich zurückzieht: Wüste, Zelle und Höhle. Diese einsame Zurückgezogenheit ist für den Mystiker ein Weg der Erkenntnis durch Erleuchtung und spirituelle Öffnung.
© Lilia Sellami

